Was ist eigentlich mit…?

7:00 – Wecker klingelt, die Nacht war mal wieder viel zu kurz. Aber „Lauren“, vom Schneetelefon, spricht von 20cm Tiefschnee, also keine Ausreden. Mein Zimmernachbar Adam hat auch schon davon gehört und macht sich fertig. Zum Frühstück gibt es Brot mit Nutella oder PBJ. Brot – eines der Produkte, das ich hier am meisten vermisse, vielleicht auf gleicher Stelle mit gutem Käse. Schnell die Skischuhe anziehen, mittlerweile schon ausgetreten, und dann die 100m ins Tal fahren. Staffhill, geradlinig, versteht sich.

7:40 – Mittlerweile haben sich fast 50 Ski- und Snowboardlehrer in ihren türkisen und orangenen Uniformen am Eingang zur Gondel versammelt. Ich bin gerade noch rechtzeitig, denn die ersten fahren schon den Whistler Mountain hinauf. 20 Minuten später bin ich dann auch angekommen, wärme mich einige Minuten auf und suche mir eine Gruppe. Heute sind wir zu siebt, mit einem der besten Skilehrer, und heizen die Piste bergab. Manchmal gibt es Tipps zu Technik, mal können wir ungestört hinunter carven. Unberührte Pisten und knietiefer Schnee, es hat sich gelohnt früh aufzustehen.

8:40 – Ich komme an unserer Sammelstelle an: Whistler Village Kids Destination. Meinen Chef habe ich schon informiert, dass ich unser Morgenmeeting verpassen werde – aber immerhin hat er mir ja im Halbzeitgespräch gesagt, ich könne zu allen möglichen Trainingseinheiten gehen. Die Kurzfassung: Heute keine Waldwege, die Gefahr für Treewells, also riesige Löcher unterhalb der Baumkrone, ist zu groß. Auch in diesem Jahr haben leider schon einige Menschen ihr Leben gelassen. Es ist kalt und windig dort oben, Pizza zum Mittagessen.

9:00 – Ich schreibe Namensschilder und teile GPS-Tracker im Akkord aus. Fließbandarbeit, streng geordnet, bei rund 300 Kindern alleine in meiner Abteilung. Schließlich erlöst mich mein Chef und teilt mir eine Gruppe zu: Junior 3*, das heißt eine Klasse aus sechs 5-7 jährigen, die können zwar fahren, aber schnell wird das trotzdem nicht gehen. Es hätte aber ja auch schlimmer sein können. Immerhin bin ich nicht am „Magic Carpet“ mit blutigen Anfängern. Aber es hätte eben auch der Buckelpistenprofi mit Tiefschneeerfahrung werden können. Glückssache und dennoch beeinflussbar, denn nachdem ich vor kurzem meine nächste Skilehrerlizenz bestanden habe, bekomme ich nun tendenziell bessere Gruppen.

11:0o – Mittagessen, mal wieder Ofenkartoffel. Das vegetarische Angebot beschränkt sich meist auf Pizza, Nudeln mit Tomatensosse oder Mac&Cheese, aber wenigstens die Ofenkartoffel und mein „Veggie Burger Wrap“ lassen mich nicht im Stich. Die Salatbar lässt sich blicken und es gibt kostenloses Obst. Die Kinder trinken den berühmten „Jungle Juice“ (nach „Geheimrezept“) und wenn ich eine Anfängerklasse hätte, dann wäre das bereits meine zweite Einkehr, nach einer ausgiebigen Pause für Heisse Schokolade. An Tagen bei -20 °C ist den Kindern kalt, bei -5 °C  haben sie Hunger. Man kann sich die Arbeit auch schwierig gestalten.

3:00 – Zugegeben, eine weitere Pause habe ich schon noch eingelegt, für Heisse Schokolade und Kekse. Gut, vielleicht auch zwei, wenn man die Spielzeit im „Treefort“ mitzählt. Aber Skifahren waren wir natürlich auch, schließlich können die Eltern jeden Schritt per GPS nachzeichnen. Pizza und Pommes, Schneepflug und Flugzeug, die Übungen sind international. Sicherheitsmarke abgegeben, Unterschrift und Reportcard, endlich aus der Skischule entlassen. Wenn da nicht immer dieses eine Kind wäre, dessen Eltern sich um 2o Minuten verspäten und mir meinen Nachmittag verkürzen.

4:00 – Eine Runde Skifahren mit Kollegen war noch eingeplant. Völlig verschwitzt und voll mit Adrenalin sitzen wir jetzt in der Gondel. In der einen Hand die Ski, in der anderen eine Einkaufstüte mit dem Abendessen. An der Mittelstation steigen wir aus und fahren wenige Meter ins „Glacier Staff Housing“. Praktisch. Tag 112 am Berg.

5:30 – Geduscht und ein wenig ausgeruht treffen wir uns mit Freunden am Ausgang des Appartmentkomplexes. Irgendjemand ist immer zu faul zum kochen und dann gehen wir eben zum „Mountain Meals“, nur wenige Schritte entfernt und essen dort phänomenal günstig, ausgewogen – und vor allem viel. Eine Waage gibt es hier ja zum Glück nicht.

6:30 – Nun beginnt das Abendprogramm. Entweder wir gehen zu Freunden, oder ein entspannter Abend zu Hause. Zweimal wöchentlich Yogatraining, Skier wachsen oder Predrinks im Gemeinschaftsraum. Wer morgen frei hat, geht feiern, ausser natürlich es ist Samstag. Nur Touristen gehen Samstags aus. Jeden Abend ist hier etwas los. Montag MoeJoe’s, Dienstag Tommy’s, Mittwoch Bill’s. Kostenloser Eintritt für Einheimische und diejenigen, die sich hier so bezeichnen. #

Ich habe mich jetzt seit Längerem nicht gemeldet und das liegt nicht daran, dass hier jeder Tag einfach gleich aussieht. Ganz im Gegenteil. Denn nach über vier Monaten bin ich des Skifahrens noch immer nicht müde und gerade in Momenten wenn Normalität einzukehren droht, gibt es ein Ereignis, das das Whistler Wunderland wieder aufregend macht.

Am „Australia Day“ treffen sich hunderte Menschen auf einer abgelegenen Piste zu einer riesigen Party, es gibt Snowboard Backflips und jede Menge grölender Australier. Am Martin Luther King-Wochenende tanzen amerikanische Studenten auf den Tischen im Dorf, denn hier dürfen sie schon ab 19 weggehen. Ein bekannter DJ wie Darude kommt ins Dorf und bei „Sandstorm“ tobt die Menge.

Weniger als ein Monat verbleibt und der Rückflug kommt jetzt immer näher. Die Erinnerungen werden jedoch bleiben. Vom ersten 360° und den Beinschmerzen danach. Von Tiefschneetagen und Langeweile am Anfänger-Berg. Von verrückten Partys und den Kopfschmerzen am nächsten Tag. Whistler, es war mir eine Ehre.

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